| Bauherr: |
Denmarks Radio, Kopenhagen (DK) |
| Architekt: |
Ateliers Jean Nouvel, Paris/F |
| Lichtplanung: |
Atelier Yann Kersalé, Paris/F |
| Fotos: |
Bjarne Bergius Hermansen/DR, Kopenhagen(DK); Agnete Schlichtkrull/DR, Kopenhagen/DK; Torben Petersen, D |
Licht spielt die erste Geige
Als wäre auch dies Teil des architektonischen Konzepts von Pritzker-Preisträger Jean Nouvel, lebt die Hülle von Danish Radios neuem „Koncerthuset“ mit der jahreszeitlichen Nutzung des Gebäudes. In den hellen Sommermonaten Skandinaviens, dann kaum genutzt, erscheint es von außen lethargisch ruhig wie ein überdimensionales Gehege für den darin schlummernden Konzertsaal. Zur Hauptnutzungszeit jedoch, in den Dämmerungs- und Nachtstunden der langen Wintermonate, erwacht Leben auf der 96 m langen, 58 m breiten, 45 m hohen und damit die gesamte Umgebung deutlich überragenden Fassade. Unerwartet funkelt jetzt durch die mystisch blaue Textilbespannung mehr und mehr und raffiniert inszeniert das quirlige Musikleben hervor. Wesentlich hierbei sind speziell entwickelte, kissenähnliche Milieu-Flächenleuchten, so genannte „Concrete-Lights“. Dieses Wortspiel für Licht, das aus dem Beton herauszuquellen scheint und eben genau das Gegenteil von hartem Beton ist, steht beispielhaft für die Poesie und die Überraschung in nahezu jedem Detail dieses Gesamtkunstwerks. Die Menge solcher Entdeckungen, die unbegreifbar labyrinthartigen Räume und nicht zuletzt die Virtuosität der vor allem von Jean Nouvels langjährigem kongenialen Partner, dem Lichtpoeten Yann Kersalé inszenierten Lichtstimmungen, ist für jeden Betrachter überwältigend und atemberaubend.
Eineüberdimensionale Musikwerkstatt also, permanent vibrierend. Denn selbst wenn im großen Konzertsaal mit 1 800 Plätzen (Studio 1), einem der drei kleineren Konzertsäle (Studios 2–4) mit 250–450 Plätzen oder auf einer der zahlreichen „Bühnen“ im weitläufigen Foyer einmal gerade keine Veranstaltung stattfindet – das Foyer, das die Konzertsäle erschließt und verbindet, lebt permanent weiter. Dafür sorgen auf den Raumoberflächen bewusst abstrakte Projektionen von Bildern und eingebetteten kleinen Filmsequenzen mit in warmen Tönen gehaltenen Motiven aus der Musikwelt. Um diese Projektionen in der notwendigen Intensität zu ermöglichen, ließ Zumtobel einen besonders leistungsfähigen, auf die Anforderungen optimierten Gobo-Projektor entwickeln. Bei Dunkelheit erwacht auch auf der zuvor das neue und bunte Stadtviertel OErestad eher beruhigenden Fassadenfläche Leben, ebenfalls durch Projektionen, jetzt vorwiegend in mystischem Blau. Die abstrakten Motive und Filmsequenzen verraten etwas von dem, was hinter der Fassade passiert und laden dazu ein, es zu erleben. Das eigentlich unsichtbare Produkt Radio bekommt ein Gesicht, das Gebäude wird zu einer „Lumière magique“.
Ganz unten im Eck ist dieser riesige Musikquader wie ein Garagentor für den Besucher aufgeklappt. Dieser wird dann unter dem Kopenhagener Sternenhimmel vom 17. Januar 2009, dem Tag der feierlichen Eröffnung durch Königin Magrethe II ., empfangen. Realisiert wurde das funkelnde Himmelszelt aus 1 600 LEDs in einer 300 m2 großen Akustik-Lochdecke in Zusammenarbeit mit LEDON. Hinter dem nachtkalten Sternenlicht öffnet sich das Musik-A ll wie eine kleine abstrahierte Stadt, mit verschiedenen Terrassen, großen und kleinen Plätzen, Bars und Restaurant. Auf einer großzügigen Passage mit darüber liegendem Restaurant kann man an den drei kleinen Konzertsälen und den Büros vorbei zu den anderen Gebäuden von Danish Radio wandeln. Oder man biegt links ab und schreitet die ausladende Treppe hinauf zu dem großen, alles dominierenden zentralen Platz, dem Hauptfoyer, überdeckt von den Schuppen, die den Konzertsaal ummanteln. Wie durch einen Filter lässt sich jetzt das wesentliche der umgebenden Außenwelt, der fernen Stadt oder des Wetters miterleben.
Wie eine neue eigene Welt öffnet sich dann der Konzertsaal, ganz in warmen Holztönen ausgekleidet, mit seinen in verschiedenen erdfarbenen Tönen bezogenen Sitzen. Architektur wird hier zur Kulisse, der Raum zur Landschaft. Wie terrassenartige Hänge sind die Zuschauerränge um einen Talgrund, der Bühne, herum angeordnet, eingerahmt von machtvollen, aber sanften Bergen, tiefen Tälern und über allem wie ein Fels thronend der Orgel. Alles ist in feierlich gedämpftes Licht getaucht, zunächst wie Abendsonne, dann zum Konzert wie Kerzenlicht.
Die subtilen Lichtstimmungen des Konzertsaals wurden durch eine ganze Reihe Sonderlösungen möglich: Eine eigens entwickelte Bodeneinbauleuchte strahlt die Wände der Balkone an und flutet sie tief mit weichem Licht. Entlang der äußeren oberen Raumkante simuliert ein Lichtband einerseits einen Tageslichteinfall, andererseits setzt es das überdimensionale, einen Sonnenuntergang stilisierende Wandgemälde von Alain Bony und Henri Labiole in das richtige, aufwändig erforschte Licht. Indirektfluter auf dem riesigen Schallreflexionssegel in der Raummitte fluten den Saal mit feierlichem Halogenlicht. Durch das Lichtmanagementsystem LUXMATE werden aus insgesamt über 800 einzeln steuerbaren Leuchten oder Leuchtengruppen im Konzertsaal die gewünschten Lichtstimmungen komponiert. Wesentlich half hierbei das interaktive Planungsprogramm VIVALDI, mit dem die Lichtstimmungen bereits im Vorfeld mit Architekt und Nutzer abgestimmt wurden. Die dafür notwendigen Daten wurden schon in der Planungsphase mit der Visualisierungssoftware Inspirer erstellt. Höhepunkt dieser Arbeiten war ein erstes virtuelles Konzert in einer Simulation des Konzertsaals im Zumtobel-Präsentationszentrum Terminal-V in Lauterach. Architekten, Planer, Vertreter des Nutzers und der Chefdirigent applaudierten erwartungsfroh.